Vielleicht wurden Sie heuer von Corona ausgebremst, weil der Kili auf Ihrer Wunschliste für 2020 stand. Er läuft ja nicht davon, nächstes Jahr steht er sicher auch noch. Möglicherweise hoffen Sie ja sogar auf das eine oder andere Sonderangebot.

Keine gute Idee.

Die menschliche Psychologie hofft in Krisenzeiten auf fallende Preise. Die heimische Hotellerie geht ja als leuchtendes Beispiel voran und liefert Rabattschlachten, in der Hoffnung wenigstens ein paar Euro Umsatz zu machen. Ob die Hotels überhaupt kostendeckend arbeiten können? Die betriebswirtschaftlichen Parameter scheinen in Krisenzeiten ausgesetzt, Hauptsache man kann sich irgendwie durch die Krise manövrieren. Notfalls nimmt man Verluste in Kauf, nur um wenigstens etwas Normalität vorzutäuschen.

Nicht möglich in Tansania.

Sollten Sie tatsächlich irgendwo ein unwiderstehliches Angebot für den Kili finden, wurden jedenfalls nicht die staatlichen Gebühren, Abgaben, Steuern und gesetzlichen Vorgaben reduziert. Viel wahrscheinlicher ist, dass ein Deal zu Lasten von irgendetwas oder irgendjemandem geht: der Träger und Ihres Komforts.

Aber alles der Reihe nach.

1. Die unsichtbaren guten Geister: die Träger

Die meisten Träger „tragen“ nicht hauptberuflich, sondern im Nebenerwerb. Als Landwirte bewirtschaften sie die Hänge des Kilimanjaro mit Gemüse, Kaffee, Mais oder Weizen. Die meisten sichern so das Überleben ihrer eigenen Familie, einige verkaufen die Erzeugnisse am freien Markt. An jedem Landwirt/Träger hängen Großfamilien, d.h. ein Träger versorgt und finanziert 20, 30 oder vielleicht sogar 50 Personen.

Dabei ist das Kilimanjaro-Geschäft kein kontinuierliches. Die Anzahl der Besteigungen schwankt je nach Monat. Juli bis Oktober und Dezember bis Februar gelten als Hochsaison. In den restlichen Monaten marschieren deutlich weniger Bergsteiger auf den Kili.

Und benötigen weniger Träger. In der Hochsaison schafft es ein  durchschnittlicher Träger zweimal pro Monat auf den Berg, in den restlichen Monaten seltener.

Auf dem Kopf befördern die porters Ausrüstung, Essen und Wasser auf den Berg. Am Rücken hängt der Rucksack der zahlenden Gäste.

Der Trägerlohn ist kein Fixum

Eine Gewerkschaft haben die Träger natürlich nicht, aber die KPAP, das Kilimanjaro Porters Assistance Project, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Arbeitsalltag der Träger zu verbessern.

KPAP empfiehlt einen Tageslohn von 20.000 Tanzanian Shilligi (ca. 7,50 €). Für einen gewöhnlichen Trek, z. B. über die Marangu-Route (5 Tage, 4 Nächte), erhalten Träger also 100.000 TSH. In einem Hochsaisonmonat, bei zwei Climbs, hat er im schlechtesten Fall 200.000 TSH, im besten Fall 320.000 TSH (für 2 x 8-Tages-Treks) Verdienstmöglichkeit.

Klingt viel. Ist es aber nicht. Das Leben in Tansania ist teuer, wenn man seiner Familie mehr als nur das Überleben sichern will.

Auto, ein gemauertes Haus mit Wellblechdach, Strom und Fernseher, bessere Schulen für die Kinder, medizinische Versorgung – all solche „luxuriösen“ Bedürfnisse können damit nicht gedeckt werden. Dafür würde es eher Gehälter weit jenseits von 2 Mio TSH brauchen.

Reich wird ein Träger mit Sicherheit nicht, also nicht durch die Kilimanjaro-Besteigungen (selbst wenn Sie fürstliches Trinkgeld geben).

Leider werden nicht einmal die empfohlenen Mindest-Gehälter eingehalten.

Eine 2019 durchgeführte Umfrage des KPAP zeigt folgendes Bild: Während Mitgliedsbetriebe des KPAP ihren Trägern durchschnittlich 20.759 TSH pro Tag bezahlten, löhnten Nicht-Mitglieder durchschnittlich 13.834 TSH (da sind auch Ausreißer nach unten berücksichtigt, die nur erschreckende 8.000 TSH bezahlten). Hochgerechnet auf 6 Träger (so viele sind pro Bergsteiger vorgeschrieben) bei 5 Tagen Trekking kann die lokale Agentur 70-80 € pro Trek einsparen (noch ohne Berücksichtigung von Essen, Eintrittsgebühren und Transporten).

Sie sehen, wo das hinführt: Die Anzahl der Träger und deren Bezahlung entscheidet maßgeblich über die Kosten einer Kilimanjaro-Besteigung.

Wozu braucht es überhaupt Träger am Berg?

Wenn man davon ausgeht, dass 2 Personen am Berg ca. 190-200 kg (!) (davon 30 kg Gepäck der Kunden, 160-170 kg Ausrüstung, Nahrungsmittel und Wasser) beanspruchen, ergibt sich folgende Milchmädchenrechnung:

Jeder Kili-Trek mit mindestens 2 zahlenden Kunden sollte eigentlich 12-13 Träger beschäftigen.

Denn die Parkregeln des Nationalparks schreiben vor, dass jeder Träger max. 20 kg tragen darf, d.h. 15 kg für Equipment und Kundengepäck, 5 kg für die eigene Ausrüstung.

In der Realität ist dieser Mindeststandard noch nicht überall angekommen.

Viele Agenturen suchen (und finden) Einsparungspotenzial bei den Trägern. Einen Träger einzusparen rechnet sich jedenfalls, inklusive aller Gebühren und Kosten sind das locker 40-50 € an Einsparung – nur für einen Träger!

2. Eintrittsgebühren und staatliche Abgaben

Neben den Löhnen für die Träger zählen die staatlichen Gebühren zum zweiten großen Brocken einer Kilimanjaro-Besteigung.

Für Bergsteiger:

  • Eintrittsgebühr (Conservation Fee): 70 US$ pro Tag und Person + 18 % Mehrwertsteuer
  • Camping/Hüttengebühr: 50 bzw. 60 US$ pro Nacht und Person + 18 % Mehrwertsteuer
  • Rescue Fee: 20 US$+ 18 % Mehrwertsteuer

Für die Crew:

Für die Träger und Guides fallen noch mal 5.000 TSH pro Person und Tag + 18 % Mehrwertsteuer an.

Daraus ergeben sich folgende Kosten (inkl. staatliche Gebühren und Löhne) allein für die Besteigung*:

  • Für die billigste Besteigung von 5 Tage/4 Nächten über die Marangu-Route: 413 US$ Eintritt +283,20 US$ Übernachtung + 23,60 US$ Rescue Fee = 719,80 US$ (entspricht ca. 640 € je nach Wechselkurs)
  • Für eine längere Besteigung, z. B. von 8 Tagen/7 Nächten über die Lemosho-Route: 660,80 US$ Eintritt + 413 US$ Übernachtung + 23,60 US$ Rescue Fee = 1.097,40 US$ (entspricht ca. 990 € je nach Wechselkurs)
  • Wenn Sie zu zweit auf den Berg steigen, werden die Eintrittsgebühren und Löhne von 1 Head Guide, 1 Assistant Guide, 1 Koch und 12 Trägern als Gemeinkosten aufgeteilt. Dies bedeutet weitere kalkulatorische Kosten von 400 € pro Bergsteiger (für die 5 Tage dauernde Marangu-Besteigung) bis zu 700 € (für die 8 Tage dauernde Lemosho-Besteigung).

* Die Kosten verstehen sich ohne Aufschläge durch die Agenturen, ohne Transporte, ohne Übernachtungen davor und danach.

Noch nicht eingerechnet, aber zusätzliche Kosten in der Agentur in Tansania:

  • Verpflegung für die Bergsteiger und die Crew
  • sauberes Wasser für alle
  • Equipment für die Bergsteiger, wie Zelte, Tische oder Klappsessel sowie für die Crew
  • Büromiete, Gehälter für Büroangestellte, Gemeinkosten wie Strom, Lagerung, Computer, Internet, Telefon, etc.
  • Zeitaufwand für die Organisation und das Buchen aller Leistungsbestandteile, Briefing durch die Head Guides
  • Selektion und Vorauswahl des Personals, regelmäßige Mitarbeitergespräche, eventuell Weiterbildung für die Crew/Mitarbeiter
  • Unternehmerlohn und Sozialabgaben
  • Lizenzen, Permits, Abgaben
  • Transport für die Crew, wie Geländewagen oder Minibus, Benzin für den Transport
  • Aufwand und Kosten für die Instandhaltung und Pflege der Ausrüstung
  • Marketing- und Werbegemeinkosten, z. B. für Messen oder Webseite
  • Bankkosten und Kosten des Zahlungsverkehrs
  • Zuwendungen jeglicher Art, salopp formuliert Schmiergelder
  • Und noch einige mehr

Weitere Kosten aufseiten des europäischen Veranstalters:

  • Währungsrisiko
  • Beratung und permanente Betreuung bis zur Abreise, was bei den meisten Buchungen viele Arbeitsstunden mit sich bringt
  • Erstellung der Reisevorschläge und Administration der Buchungen, bei durchschnittlichen Buchungen handelt es sich bei Safari Insider um 20-25 Stunden Aufwand
  • Gemeinkosten für Marketing und Werbung wie Webseite, Social Media, Messen
  • Gemeinkosten für Büro, Verwaltung, Computer, Büro, Strom, Telefon, Internet, etc.
  • Personalkosten
  • Sozialversicherung
  • Haftpflichtversicherung
  • Insolvenzversicherung
  • Bankkosten und Kosten des Zahlungsverkehrs
  • Kreditkosten durch Verluste aus der Corona-Zeit, die durch fehlende Einnahmen und Rückzahlungen an die Kunden entstanden sind
  • Kosten für Recherchereisen, um  eine bestmögliche Beratung zu gewährleisten
  • Und noch einige mehr

Ich kann nur für mich als Safari Insider sprechen, aber ich persönlich könnte „nur wegen Corona“ keine Sonderpreise für das Kilimanjaro-Trekking anbieten. Meine Kosten der Geschäftsgebahrung sind nicht gesunken, sondern durch Corona gestiegen. Ähnlich dürfte es auch den Agenturen in Tansania gehen.

Laut KPAP sollten die porters 2 Tage nach Ende des Treks bezahlt werden. Viele Agenturen ignorieren diese Empfehlungen.

Wie können also bei einer Kilimanjaro-Besteigung Schnäppchenpreise kalkuliert werden?

Indem Dumping-Löhne an die Träger gezahlt werden.

Indem weniger Träger angeheuert werden.

Vier statt sechs pro Bergsteiger.

Indem weniger Guides mitwandern.

Einer statt zwei pro Kleingruppe.

Indem an der Ausrüstung gespart wird.

Wenn die Camping-Ausrüstung täglich in Gebrauch ist (was in der Hochsaison der Fall ist), dann hilft selbst die teuerste und beste Qualität nichts: Die Zelte sind nach drei Saisonen komplett hinüber. Da alles von A – Z importiert werden muss, sind Kosten von 800-900 US$ pro Zelt keine Seltenheit.

Meine Partneragentur in Tansania kaufte beispielsweise vor kurzem Zelte aus Nepal, mit verstärkten Böden und Strukturen. Kostenpunkt: 800 US$ pro Zelt.

Indem die Qualität und die Menge des Essens knapp kalkuliert wird.

Für die Bergsteiger, also die zahlenden Kunden, nämlich.

Indem beim Essen für die Crew gespart wirt.

Bohnen und Reis sind billiger als ein ausgewogenes Menü mit Nudeln, Kartoffeln, Fleisch, Obst oder Gemüse.

Bei der 2019 durchgeführten Umfrage der KPAP gaben die interviewten Träger an, dass nur 19 % ihrer Arbeitgeber, wenn sie kein Mietgliedsbetrieb von KPAP sind, sie mit mehr als 2 Mahlzeiten pro Tag versorgten.

Im Umkehrschluss heißt das: 80 % aller Agenturen (speziell der Low-Budget-Unternehmen) stellen nur eine oder zwei Mahlzeiten am Berg zur Verfügung. Unglaublich, oder?

Beim Transport für die Crew

Die Jungs mit einem Dalladalla zum Gate hochzuschicken ist bei weitem billiger als ein Fahrzeug einzukalkulieren.

Bei der Ausrüstung für die Begleitmannschaft.

Abgehalfterte Jacken, löchrige Zelte, feuchte Schlafsäcke, die nicht mehr wärmen …. Möglichkeiten am Equipment der Träger und Guides einzusparen gibt es en masse.

Fazit

Sonderpreise von Kilimanjaro-Besteigungen klingen verlockend, aber mehr als anderswo gilt: Den Letzten beißen die Hunde.

Leider bezahlen die Träger bezahlen Ihren Deal. Und Sie schädigen sich selbst. Denn Ihr Erlebnis am Berg wird getrübt. Durch überlastete, hungrige und mürrische Träger und Guides, die Sie möglicherweise während des Aufstiegs durch Trinkgeld-Forderungen unter Druck setzen. Durch altes, kaputtes Equipment wie löchrige Zelte oder klapprige Sessel. Durch unzureichende Verpflegung, eintöniges Essen, kleine Portionen.

Und all das nur, damit man unter Umständen 100 € einsparen kann?

Über  KPAP

Das Kilimanjaro Porters Assistance Project hat sich den Arbeitsbedingungen der Träger im Kilimanjaro-Tourismus verschrieben. Die Forderungen beziehen sich auf Mindestgehälter, Maximalbelastung beim zu tragenden Gewicht, Verpflegung und Ausrüstung der Träger sowie weitere Mindeststandards. Des weiteren stellen sie Mietkleidung zur Verfügung und bieten Ausbildung, z. B. Englisch oder Money Management. Agenturen in Tansania und Reiseveranstalter weltweit können sich als Mitglieder eintragen lassen, um die Mindeststandards mitzutragen: https://kiliporters.org/

Planen Sie für 2021 eine faire Kilimanjaro-Besteigung?