Sie gehören zu Ostafrika wie das Wiener Schnitzel zu Österreich: die Maasai. Viele Reisende wünschen sich tiefere Einblicke in ihr Leben. Andere haben keine Lust auf Voyeurismus oder fühlen sich unwohl, in die Intimsphäre von unbekannten Menschen zu dringen. Mit diesem zweiteiligen Erlebnisbericht aus dem Isoitok Camp möchte ich einerseits Ängste nehmen, und andererseits aufzeigen, was zu erwarten ist (und was eben nicht).

Teil 1: Im Maasai-Modus: Zu Besuch im Isoitok Camp (Nähe Mto wa Mbu und Lake Manyara) und bei den Maasai von Esilalei

Medizin aus der Natur

Noch bevor die große Hitze uns auf den Kopf knallt, beeilen wir uns mit dem Medicin Walk. Adjustiert mit Sonnenhut, Sonnenbrille, Maasai-Spazierstock und meiner Kamera stapfen der Maasai-Guide und ich los. Kaum 5 Minuten vom Camp entfernt zeigt er auf den ersten Baum – Commiphora africana, der bei den Maasai „Esilalei“ heißt.

Er ist Namenspatron der Esilalei Maasai Community, die in diesem Gebiet lebt und ein größeres Areal beansprucht. Die Äste des schirmförmig wachsenden Baumes verwenden die Maasai häufig als Zäune rund um ihre Siedlungen. Mit Aufgüssen aus der Rinde behandelt man Fieber, unter anderem auch Malaria oder Erkältungen. Bei Magen-Darm-Problemen hilft ein Tee aus Wurzeln des Baumes. Mit Hilfe des Baumharzes lassen sich Wunden desinfizieren.

Mbayani ist kaum zu bremsen, und benennt die Wirkungsweise von zahlreichen weiteren Sträuchen und Bäumen – nur einen Katzensprung vom Camp entfernt.

https://youtu.be/48o-HIBE9CU

 

Natürlich darf man sich keine wissenschaftliche Abhandlung über botanische Eigenheiten erwarten.

Staunen Sie einfach über das über Generationen überlieferte Wissen, wie Malaria, Bauchschmerzen, Würmer oder Gelenksbeschwerden gemildert werden. Versuchen Sie (sofern vorhanden) am Baobab-Samen zu lutschen (süß-sauer, fast wie ein Sauerdrop) oder riechen Sie an den Blättern.

Ganz wichtig: Genießen Sie die Aussicht von der Anhöhe hinter dem Camp, die vom glitzernden Manyara-See über den Ostafrikanischen Grabenbrucht bis zur Lesimingori Range reicht. Magisch schön!

Mbayani reißt einen kleinen Ast von der Grewia tephrodermis, schnitzt ihn zurecht und drückt in mir in die Hand. Er macht vor, was er von mir erwartet: Er zieht auf der einen Seite die Rinde ab, ritzt eine Kerbe ins Ende, fächert die Fasern ein wenig auf und beginnt damit an den Zähnen zu reiben. „Maasai toothbrush“ verkündet er freudenstrahlend.

Nach etwa eineinhalb Stunden raucht mein Kopf – aber vielleicht ist es auch einfach die Sonne, die immer stärker wird.  Eine Siesta wird mir gut tun!

Maasai und die Moderne

In Tansania existiert kein Kataster oder Grundbuch. Das Land wird ersessen und gehört im Normalfall (solange, bis es verkauft wird und Dokumente darüber angelegt werden, z.B. beim Notar) der Gemeinschaft. Sukzessive wird heutzutage das Land parzelliert, aufgeteilt und teils verkauft, d.h. der Lebensraum mehr und mehr beschnitten. Gleichzeitig steigt die Anzahl der Maasai, nicht zuletzt weil sie sich heute mehr Kinder leisten können. Mit ihnen steigt die Anzahl der Kühe und Ziegen.

Letztere sind speziell für die Versteppung der Landschaft verantwortlich, da sie die Gräser mitsamt den Wurzeln ausreißen und das Gras bei den nächsten Regenfällen nicht mehr nachwachsen kann.

Der Lebensraum wird knapp, einerseits weil die Anzahl wächst, andrerseits weil Weideflächen wegfallen. Also müssen sich die Maasai langsam von ihren Traditionen verabschieden und Erwerbstätigkeit nachgehen. Es ist ein steiniger Weg, denn die meisten Maasai sind Analphabeten, sprechen kein Englisch und haben keine Ahnung, wie sie mit ausländischen Besuchern umgehen sollen. Hier versucht das Isoitok Camp, Brücken zu bauen.

Perspektiven für die Zukunft

Ein Maasai-Verband hatte 2007 der African Roots Foundation, die von Ingrid and Chris ins Leben gerufen wurde, Land zur Verfügung gestellt, mit der Bitte, das Dorf zu unterstützen und Arbeit zu schaffen.

Das Camp sowie alle gebotenen Aktivitäten – also Ihr Besuch – dienen letztlich dazu, die African Root Foundation zu finanzieren und den Alltag der Maasai zu verbessern. Es gibt ein Trinkwasseraufbereitungsprogramm, ein Latrinen-Projekt sowie Initiativen für Solarlampen. Ebenso wird damit der Dorflehrer finanziert, der die Maasai-Kinder in Englisch und anderen Fächern unterrichtet. Wegen seiner Initiativen und der Philosophie, die dahinter steckt, gewann das Isoitok Camp 2014 den Nachhaltigkeitspreis von Tansania.

Alle Aktivitäten werden verrechnet und von Ihnen bezahlt. Trinkgelder sind nicht verpflichtend. Bei den Maasai existiert keine Kultur von Trinkgeldern oder freiwilligen Mehrleistungen, weswegen es von nicht involvierten Männern auch falsch verstanden wird. Es schürt eher den Neid von den Maasai, die nicht so nah an den Touristen arbeiten, z. B. die Wachmänner. Sie sehen nur, dass ein Maasai Geld erhält und ehe man sich versieht, stehen alle Männer des Dorfes vor der Tür, um sich für Geld anzustellen. Sie dürfen gerne Trinkgeld in der tip box hinterlassen, es wird nach einem fairen, selbst erarbeiteten Verteilungsschlüssel unter den Mitarbeitern aufgeteilt.

Wenn Sie einzelne Maasai unterstützen wollen oder der Schule eine Spende zukommen lassen möchten, tun Sie dies bitte über den Camp Manager (und nicht direkt).

Vögel und Ruhe

Mittlerweile ist der Nachmittag angebrochen und ich ziehe mich zur Siesta in mein Zelt zurück. Der Wind bringt die Baumkronen zum Säuseln, in der Ferne höre ich Kühe muhen. Ich sitze vor meinem Zelt, im Schatten, und beobachte einen schwarz-weißen Boubou (Laniarius major) beim Defillieren. Ein hübscher taubenblau-schwarzer Schmetterlingsfink mit roten Wangen (Uraeginthus bengalus) kommt geflogen. So nahe am Lake Manyara gelegen, kommen Ornithologen (und solche, die es noch werden möchten) auf ihre Rechnung.

Stimmungsvoller Sonnenuntergang

Später schnappe ich mir ein gekühltes Bier und steige auf den Aussichtspunkt hinter dem Camp. Ein weiterer Tag im Busch geht zu Ende, diesmal von einer Anhöhe mit tollen Panoramen. Wenn der morgige Tag nur halb so schön wird wie der heutige, ist er noch immer perfekt!