Im Auftakt zur Blogreihe über den Kulturschock, von dem viele Reisende nach ihrem 1. Besuch in Afrika berichten, habe ich auf die großen Differenzen zwischen Mitteleuropa und Afrika hingewiesen.

Heute bekommen Sie einen Vorgeschmack darauf, mit welcher Wucht einen „Westler“ treffen kann, was in seiner Urlaubsdestination gang und gäbe ist. Nicht verschweigen darf ich in diesem Zusammenhang die Rolle, die der Tourismus selbst zu der einen oder anderen Entwicklung in der Vergangenheit beigetragen hat und nach wie vor spielt.

Bei meinen Ausführungen konzentriere ich mich auf Tansania, da ich hier aus langjähriger Erfahrung und Nähe zu den Bewohnern den meisten Einblick habe.

Betteln – eine Notwendigkeit

Die einzige soziale Absicherung in Afrika ist die Familie. Auf den ersten Blick empfinden wir den Familienzusammenhalt als positiv (und blicken gleichzeitig mit einem weinenden Augen auf unsere westlichen Gesellschaften, wo die Bedeutung der Familien bröckelt). Aber wer die rosarote Brille beiseite legt, sieht, dass dieses Modell seine Tücken hat: So kann es sein, dass ein Familienmitglied, das Arbeit und Einkommen hat, seine ganze, große Familie ernähren muss. Sie können es sich an allen fünf Fingern abzählen, dass nicht viel übrig bleibt, wenn am Zahltag die Schwester, der Bruder, die Mutter, der Vater und ein weitläufig verwandter Cousin an der Türe klopfen.

Weil die Durchschnittslöhne lächerlich klein sind, reicht das Geld hinten und vorne nicht. Viele Menschen, speziell jene ohne Familien im Hintergrund, verstoßene Frauen, Alleinerzieherinnen, behinderte Menschen oder Alte leben in großer Armut.

Vor allem in den Ballungs- und Touristenzentren, wo Menschen kein Land für den Ackerbau haben, tummeln sich Bettler. Während in Dar es Salaam vor allem blinde, körperbehinderte oder kranke Menschen und verarmte Frauen mit Kindern so ihren Lebensunterhalt verdienen, trifft man in Arusha oder Mwanza vermehrt auf verwahrloste Kinder und Jugendliche.

In den Gassen größerer Städte ist die Armut zuhause.

An strategisch günstigen Plätzen sprechen Bettler und Straßenkinder Autofahrer an. Fußgänger bleiben weitgehend unbehelligt, denn – so ist es in den Köpfen verankert – wer sich ein Auto leisten kann, der kann wohl leicht ein paar Shilling entbehren. In der Realität kurbeln nur ganz wenige Fahrer ihr Autofenster herunter und werden auf diese Weise ein paar Münzen los, die als Zahlungsmittel ohnehin zu geringen Wert haben, um damit etwas zu kaufen.

So hoch dieser Kulturkreis ein solidarisches Miteinander hält, so sehr beschränkt sich diese Solidarität auf den eigenen Familienkreis. Außerhalb des jeweiligen Familiengefüges zeigen die meisten Tansanier eine erstaunliche Härte.

Muslime hingegen gehen mit Bettlern ganz anders um. Jeder finanziell gut gestellte Moslem hat die Pflicht, Almosen zu geben. Vor allem am Freitag, dem heiligsten Tag der Woche im Islam, ziehen zerlumpte Frauen und Kinder bittend von Geschäft zu Geschäft. Einige Geschäftsleute stecken ihnen Münzen, Mandasi (süßes Hefegebäck) oder andere Lebensmittel zu.

Betteln – ein Geschäftsmodell

Bettelnde Kinder sind ein eigenes Kapitel. Bei allem Mitgefühl setzen Geschenke hier ein falsches Signal. Viele dieser Kinder schnorren mehr Geld, als ihre Eltern mit Erwerbstätigkeit verdienen. Kein Wunder also, dass immer mehr Kinder zum Betteln geschickt werden, anstatt in die Schule. Eine äußerst bedenkliche Entwicklung, die es wert ist, sich Gedanken darüber zu machen. Hier zeigt sich deutlich, dass gut gemeint mitunter eher das Gegenteil bewirkt.

Bettelnde Kinder statt arbeitender Eltern – eine Entwicklung, die der Tourismus forciert.

Betteln 2.0

Früher beschränkten sich Bettler auf die großen Städte, heute „züchten“ unreflektiert agierende Touristen leider Bettelei auch entlang der Touristenrouten.

Kinder laufen schreiend hinter Fahrzeugen her, bei Besuchen von sehr touristischen Dörfern wird man bedrängt, und ungeniert fragt das Personal in manchen Camps um Geld.

Und bestimmt ist es längst kein Geheimnis mehr, dass viele „Waisenhäuser“ entlang der „Touristenrouten“ längst keine Waisen mehr versorgen, sondern sich die Kinder „mieten“, indem sie sie mit drei Mahlzeiten am Tag ködern. Abends kehren die Kinder zurück ins Dorf und schlafen im Elternhaus.

Was tun?

Selbstverständlich steht es jedem Reisenden frei, Bettelnden Geld zu geben, aber ich rate davon ab.

Ich werde natürlich auch oft auf Geld angesprochen, aber ich gebe immer nur dann etwas, wenn ich die Familie persönlich kenne (also weiß, dass sie in Not ist). Andernfalls spende ich Geld ausschließlich an Organisationen, die ich ebenfalls persönlich kenne.

Ignorieren Sie Betteleien einfach. Wer nichts gibt, hat keinen Nachteil daraus (ebensowenig wie einen Vorteil, denn Dankbarkeit in unserem Sinne existiert nicht). Die bettelnde Person wird sich einfach abwenden und Sie in Ruhe lassen.

Schenken Sie Essen. Sinnvoller ist es, Frauen und Kindern kleine Snacks (Eier u. dgl.) oder beispielsweise die übriggebliebene Lunchbox zu geben. Frauen mit Kindern hungern zumeist wirklich und haben kein Geld für Fleisch oder Fisch (Proteine) bzw. generell für gesundes Essen. Gegebene Lebensmittel kommen direkt den Kindern oder Frauen zugute, während Geld häufig beim Ehemann oder den Brüdern landet.

Geben Sie keine Geschenke (z. B. Stifte, Papier, etc.) an Kinder, die entlang der Straßen postiert sind. Mittlerweile habe ich schon erlebt, dass Kinder am Straßenrand „Give me pen“ brüllen. Einfach ignorieren und weiterfahren! Sollten Sie helfen wollen, spenden Sie an ein vertrauenswürdiges Schulprogramm oder an eine Lodge, die Schulkinder unterstützt.

Bitte nehmen Sie zur Kenntnis: Eine kleine Gabe von Ihnen ändert genau nichts im Leben eines Kindes. Nur ein kontinuierliches Geben, z. B. in Form von Patenschaften, bringen eine Verbesserung. Welche Familie oder welches Kind wirklich das Zeug für Schulbildung hat, sollten jene entscheiden, die sich mit den kulturellen Gegebenheiten auskennen – also jene, die vor Ort leben, z. B. seriöse Dienstleister im Tourismus.

Wer mehr über das (freiwillige) Geben und Nehmen oder das Verteilen von Geschenken und Spenden lesen möchte, der wird in meinem Reiseführer KulturSchock Tansania (2017), Reise Know-How Verlag, 4. vollständig überarbeitete Auflage, fündig.