Wie anfangen? Ich meine, diesen Blogbeitrag zu schreiben. In Zeiten, für die die neoliberale Wirtschaftsordnung eigentlich kein Wording vorgesehen hat. Stillstand, Rücksicht aufeinander oder soziale Verantwortung finden im Dogma von „Mehr, Größer, Weiter, Schneller, Besser, Mehr“ keine Entsprechung, also zumindest keine, die man beliebig an der Börse in die Höhe treiben hätte können.

Und plötzlich nun die Vollbremsung. Von 150 auf 0. Das hebt die mantramäßige an die freie Marktwirtschaft glaubende Welt aus den Angeln. Und weist sie gleichzeitig in ihre Schranken. Während einige von uns in Europa auf Unterstützung von staatlicher Seite hoffen dürfen, sowohl als Privatperson als auch als Unternehmer, sind Menschen und Unternehmen in Afrika vollkommen auf sich allein gestellt.

Die Vollbremsung trifft die ganze Welt, aber Länder ohne staatliche Auffangnetze noch viel härter.

Ein virtueller Lokalaugenschein aus Ostafrika.

Oberste Priorität: Den Import des Corona-Virus vermeiden

Ankünfte in Tansania

Der Flugverkehr über Tansania ist ausgedünnt. Nur wenige internationale Maschinen landen momentan in Dar es Salaam oder Kilimanjaro Airport, darunter die Ethiopian Airlines aus Addis Abbeba, die KLM aus Amsterdam oder Kenya Airways aus Nairobi. Der innertansanische Flugverkehr ist aber weiterhin aufrecht. Ähnlich ist das Bild in den Nachbarländern.

Quarantäne in Tansania

Alle einreisenden Personen, egal ob Ausländer oder Tansanier, müssen nach der Einreise in eine 14tägige Quarantäne. Dieser Erlass erging am 23. März 2020, nur eine Woche, nachdem offiziell vom ersten Corona-Fall gesprochen wurde.

Corona-Fälle in Tansania

Laut Angaben der Tageszeitungen soll es (mit Stand heute, 27. März 2020) 13 nachgewiesene Corona-Fälle geben, wobei insgesamt 273 Tests durchgeführt wurden. 8 Fälle wurden in Dar es Salaam nachgewiesen, 2 in Sansibar. 8 davon sind tansanische Staatsbürger, 5 Ausländer, 12 von ihnen kamen von Reisen zurück.

Der erste importierte Fall trat (dem Vernehmen nach) am Montag, den 16. März 2020, auf. Patientin Zero ist eine tansanische Geschäftsfrau, die den Virus auf einer Geschäftsreise in Belgien aufgeschnappt hatte und vermutlich auch in Ruanda, wo sie einen Zwischenstopp einlegte, für Infektionen sorgte. Erste Maßnahmen der Regierung erfolgten bereits zwei Tage später, die Person musste in Quarantäne und ihre Kontakte wurden getrackt.

An den internationalen Grenzposten und an den Flughäfen wurden umgehend Fieberscanner installiert.

Was hoffnungsfroh stimmt, ist, dass Tansania und die Nachbarländer sehr rasch reagiert und früh Maßnahmen gesetzt haben. Zwar sind ihre finanziellen und medizinischen Möglichkeiten beschränkt, aber der Krisenmodus ist ihnen nicht fremd, z. B. durch Ebola-Ausbrüche im Kongo.

Corona-Fälle in den Nachbarländern

Kenia steht bei 31 Fällen, Ruanda bei 41, Uganda bei 18, Sambia bei 16.

Wie hat sich der Alltag der Menschen in Ostafrika verändert?

In Tansania sind die Schulen geschlossen; Online-Kurse oder E-learning existieren natürlich nicht. Man hat Aufgaben für die Kinder in den Heften niedergeschrieben. In den allermeisten Fällen ist aber fraglich, ob die Kinder diese erledigen können, da die wenigsten Familien in ihren Häusern Platz haben, damit die Kinder Hausaufgaben machen können. Vielfach sitzen die Kinder nicht einmal beim Tisch, wenn sie essen.

Die Herausforderung liegt nicht primär bei der Nahrung fürs Hirn, sondern bei jener für den Bauch. Africa Amini Alama aus Tansania informiert zum Beispiel im aktuellen Newsletter von heute:

Die Schulen sind seit einigen Tagen geschlossen. Für alle heißt dies, keine Ausbildung, aber vor allem kein Schulessen zu bekommen.

In Uganda wurde der öffentliche Verkehr, also der Busverkehr, eingestellt.

Viele Unternehmen haben auf Homeoffice umgestellt, was auf freiwilliger Basis passiert und nicht staatlich verordnet ist.

Christine von Africa Amini Alama schreibt in ihrem Newsletter:

Spitäler bereiten sich auf die ersten Covid 19- Fälle vor: In jeder Region gibt es ein Schwerpunkt-Krankenhaus, welches rein für am Virus Erkrankte zuständig sein wird. Im Moment gibt es nur vereinzelt positiv getestete Personen, und keine Todesfälle.

Es stimmt zuversichtlich: Einzelne Präventionsmaßnahmen wurden in den einzelnen Ländern gesetzt, wie Versammlungsverbote, geschlossene Schulen oder Absagen von Fußballspielen. Menschen dürfen nicht in die Kirche gehen. Noch gibt es – außer in Ruanda – keine allgemeinen Ausgangssperren.

Kenia hat restriktiver durchgegriffen: Bauern und Bäurinnen dürfen nicht mehr auf ihre Felder. Ohne Subsistenzwirtschaft mit Feldfrüchten von ihren eigenen Feldern wird vielen Menschen ihre wichtigste Überlebensgrundlage entzogen.

In Ruanda gilt seit 21. März 2020 ein zweiwöchiger Shutdown mit komplett gesperrten Grenzen, Ausgangsbeschränkungen, der Schließung der Geschäfte (außer für Lebensmittel) und Apotheken und weiteren gravierenden Einschränkungen.

Menschen in Armut sind in Krisen-Zeiten besonders betroffen. Sogar der Tourismus, ansonsten verlässlicher Arbeitgeber von knapp 1 Mio Menschen in Tansania, fällt momentan aus.

Wie gehen die Leistungsträger im Tourismus mit dem Shutdown um?

Sie haben dicht gemacht, bis Mai oder gar Juni 2020. Ihre Angestellten mussten unbezahlte Urlaube in Kauf nehmen, d.h. die Dienstnehmer stehen nun ohne Einkommen da.

Obwohl viele Betriebe wegen der Regenzeit im April/Mai ohnehin geschlossen hätten, trifft der Shutdown die komplette Tourismuswirtschaft hart, denn die Reservierungslage ist bei weitem nicht zufriedenstellend. Juli/August waren bereits gut gebucht, aber ab September weisen die Reservierungsbücher große Lücken auf. Für Safaris gilt oft eine Vorlaufzeit von 8-12 Monaten, d.h. die Buchungen, die jetzt nicht zustandekommen, betreffen die Hauptsaison Dezember (Weihnachten) bis März 2021 (Große Migration in der südlichen Serengeti).

Was noch schlimmer ist: Nicht nur, dass es keine Unterstützung von Behörden oder vom Staat gibt, nein, sondern Geschäftspartner in Tansania haben geklagt, dass die Steuerbehörden trotz allem auf die Steuern und Abgaben beharren. Auf Entgegenkommen dürfen die Unternehmen nicht hoffen, ganz im Gegenteil: Da die Steuereinnahmen im Land sinken, werden Unternehmer noch härter rangenommmen.

In den letzten 2 Wochen haben mich gefühlt 100e Emails erreicht, worin Hotels, Camps, Lodges und andere Leistungsträger informieren, dass die Stornofristen verkürzt wurden oder das Stornobedingungen allgemein gelockert wurden. Der Großteil bittet um Umbuchungen zu einem späteren Zeitpunkt, sodass zwar der Geldfluss momentan flach fällt, aber wenigstens zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden kann.

Besonders tragisch ist dabei, dass es in Afrika keine Kultur des Sparens gibt, einerseits weil sie nicht Teil der kollektiven, gesellschaftlichen Bewusstseins ist, andrerseits, weil es schlichtweg für die meisten nicht möglich ist, Geld auf die Seite zu legen. Am Zahltag, wenn ein Fahrer oder ein Hotelangestellter das Gehalt nach Hause bringt, warten 20 Familienmitglieder auf ihren Anteil. Die extended family ist zwar ein Segen für all jene, die nicht (mehr) arbeiten können (also die ältere Generation oder Kranke), aber auch ein Fluch für diejenigen, die arbeiten, denn vom Monatslohn bleibt genau nichts übrig.

Was passiert in den Nationalparks?

Von 6000 auf 24 sei das tägliche Touristenaufkommen in der Serengeti in den letzten Tagen gesunken.

Hotels und Camps mussten schließen. Die Nationalparkbehörden schickten die Nationalparkangestellten in Zwangsurlaub (ob bezahlt oder unbezahlt ist mir nicht bekannt). Die größeren Dörfer an der Grenze der Serengeti, Bunda und Muguma, sind ebenfalls von einem spürbaren Umsatzrückgang betroffen, z.B. was Benzin oder Diesel, Getränke oder Übernachtungen von Guides und Drivern anbelangt.

Jeder Besucher wird an den Gates momentan mit Fieberscan getestet.

Weitreichende Folgen für die Wildtiere

Aber es geht längst nicht nur um das Überleben des Individuums oder von Unternehmen, sondern um das große Ganze – um den Natur- und Artenschutz.

Wie wird sich die Wilderei entwickeln, wenn Anti-Poaching-Einheiten nicht mehr durch Spenden finanziert werden können oder nicht mehr vor die Tür gehen dürfen?

Was passiert, wenn es keine Wilderei-Patrouillen mehr gibt, aber die Menschen sich aufgrund von Geldmangel nicht mehr mit Fleisch, z. B. vom Metzger oder den Maasai versorgen können? Dann greifen sie möglicherweise auf Wildtiere zurück.

Wie entwickelt sich die Wilderei, wenn die Erwerbstätigkeit, z. B. im Tourismus, sowie die Löhne ausfallen und die Parkanrainer an den Grenzen aus purer Verzweiflung Jagd auf die Wildtiere machen? Sei es nur, um den Proteinbedarf zu decken, aber schlimmer, um Elfenbein von Elefanten oder Horn von Nashörnern zu verkaufen?

Nicht nur Wilderei, auch an Artenschutz muss in diesen Tagen gedacht werden.

Der Mahale National Park in Tansania, bekannt für seine Schimpansen, wurde komplett abgeriegelt, um Ansteckungen bei den Menschenaffen zu vermeiden, was den Tod ganzer Familien oder Verbände zur Folge haben könnte. Greystoke Mahale, die Lodge vor Ort, hat darauf reagiert, indem Angestellte des Camps sich keinen Millimeter vom Camp wegbewegen dürfen.

Should the chimps come into camp, which is rare at this time of year, our staff immediately retreat into the nearest building and remain separated from them until the coast is clear.

Das Camp wurde vorübergehend geschlossen, zurück bleibt eine drastisch minimierte Belegschaft, die die Stellung hält. Vorräte für 2 Monate wurden herangekarrt, sodass eine längere Isolation von der Außenwelt möglich ist.

We’ve supplied over two months’ worth of rations for the team there so that there will be no one visiting or accessing our beach unless there is an emergency.

Fazit

Sie sehen, die C-Krise hat Fragezeichen und Problemstellungen unbekannten Ausmaßes in Afrika aufgeworfen. Nicht nur, weil die Länder und Menschen direkt vom Virus betroffen sind (und die Volkswirtschaften eine solche Pandemie medizinisch nicht stemmen können), sondern weil ihre Wirtschaft – allen voran mittels Devisendollar – in hohem Maße von Europa und Amerika abhängt.

Aus Amerika, Großbritannien und Deutschland kommen zahlenmäßig die meisten Touristen. Aus diesen Ländern ist aber momentan nur Funkstille zu vermelden – keine Anfragen oder Buchungen, denn die Reiselust ist den meisten fürs Erste gründlich vergangen.

Der Tourismus ist tot in Afrika. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Sie Ihre Safari-Pläne nicht ad acta legen. Auch wenn der Corona-Virus momentan die halbe Weltwirtschaft lähmt, wird es eine Post-C-Ära geben, wenn Reisen wieder möglich sein wird. Geben wir den Menschen und Unternehmen in Afrika die Hoffnung, dass es weitergeht. Bitte planen Sie schon jetzt mit mir gemeinsam Ihre Safari in Tansania, Sambia und Uganda – selbst wenn sie erst in 10, 12 (oder gar 16) Monaten stattfinden kann.