Vor 5 Wochen noch fluteten Anfragen und Kunden mein E-Mail-Postfach, heute sind Newsletter, die appellieren und wachrütteln, Emails von Freunden und Bekannten, die entmutigt resignieren und Aufrufe, gerade jetzt nicht auf Mama Afrika zu vergessen.

Zu jeder Email habe ich irgendeinen persönlichen Bezug: in allen Camps und Lodges habe ich irgendwann einmal genächtigt, mal kenne ich die Camp/Lodge-Betreiber, mal habe ich mit der Managerin abends ein Glas Wein getrunken, mal war ich bei der Familie eines Fahrers zu Hause (und wurde von seiner Frau bewirtet). Jedes Email eine Erinnerung, jede Erinnerung tausend Nadelstiche ins Herz.

Offizieller Umgang mit Covid-19 in Tansania

Offiziell bestätigt sind in Tansania (laut Medien) 53 Covid-19-Fälle und 3 Todesfälle (Stand 15.4.2020). Ob dies der Wahrheit entspricht, wie hoch die Dunkelziffer ist, wie strapaziert die medizinischen Einrichtungen sind – all diese Fragen bleiben unbeantwortet. Die Presse berichtet regierungskonform, da die Pressefreiheit kürzlich massiv eingeschränkt wurde. Kritische Journalisten müssen um ihr Leben bangen, und sogar harmlose Blogs werden zensuriert und unterliegen den restriktiven Pressegesetzen. Offiziell gibt die Regierung vor, alles unter Kontrolle zu haben. Hinter der offiziellen Wahrheit sieht es vermutlich anders aus.

Welche Maßnahmen wurden gesetzt?

Alle internationalen Flüge wurden eingestellt. Einreisende müssen 14 Tage in Quarantäne. Öffentliche Veranstaltungen (wie Fußballspiele oder Festlichkeiten) wurden verboten und Schulen sowie Universitäten geschlossen. Märkte und religiöse Stätten sind aber davon ausgenommen, denn im lieben Gott sieht der Präsident einen Verbündeten, um das Virus zu bekämpfen. Die Ostermessen waren dementsprechend gut besucht.

Jene Läden, Märkte, Banken oder Büros, die offenhalten, haben vor der Tür Waschmöglichkeiten aufgestellt.

Meine Freunde aus Arusha berichten, dass das Leben seinen normalen Gang geht – nur der Tourismus ist vollständig zum Erliegen gekommen. Geschäfte halten geöffnet, Busse und öffentlicher Verkehr laufen ganz normal (ob die geforderte Höchstzahl pro Daladala eingehalten wird, wurde mir nicht berichtet), Eltern gehen in die Arbeit (sofern sie nichts mit dem Tourismus zu tun hat). Und in die Kirche geht man sowieso am Wochenende.

Wie gehen die Menschen mit dem Virus um?

Wie immer mit Krisen oder Krankheiten: Mit Gottvertrauen und Schicksalsergebenheit.

Man hat (leider) Übung darin, mit Krankheit, Tod, Armut oder Arbeitslosigkeit konfrontiert zu sein. In Afrika zu leben, bedeutet für die meisten Menschen, im Dauerkrisenmodus zu sein. Vielleicht bringt sie Covid-19 deshalb nicht aus der Fassung, ungeachtet der weltweiten Krisenstimmung und Vorerfahrungen im Umgang damit.

Sie finden Halt im Glauben, weswegen der Präsident die Messen nicht einschränken wollte. Jene, die sich Tageszeitungen oder Fernsehen leisten können, oder einigermaßen vorgebildet sind, haben eine Ahnung, was mit „social distancing“ gemeint ist und was es mit dem Händewaschen auf sich hat.

Menschen in abgelegenen, ländlichen Gebieten hingegen haben wenig Verständnis für ein Virus, das nicht mit freiem Auge sichtbar und greifbar ist, vor allem, wenn hungrige Mäuler nach einer Mahlzeit verlangen.

Überhaupt: „Social Distancing“ ist in vielen Fällen nicht praktikabel, aufgrund hoher Bevölkerungsdichte, beengten Wohneinheiten, überfüllten Verkehrsmitteln und mitunter schmalen Wegen in dicht besiedelten Landesteilen. Ältere leben inmitten ihrer Familie, es ist fast unmöglich, den Kontakt mit ihnen zu meiden.

„Social Distancing“ ist unmöglich in einer Gesellschaft, wo die Gemeinschaft über dem Individuum steht.

Viele (möglicherweise auch die Politiker) wiegen sich in relativer Sicherheit, weil die Bevölkerung jung ist.

Uganda zeigt vor, dass es möglich ist, radikale Ausgangssperren durchzusetzen, aber Tansania sträubt sich nach wie vor dagegen. Der Großteil der Menschen, also knapp 90 %, sind informelle Händler und Tagelöhner, die sich von Tag zu Tag hangeln und keinerlei soziale Absicherung vorweisen können.

Ironie am Rande: In Afrika gilt Covid-19 als die „Krankheit der Weißen“. Vereinzelt wird von Übergriffen auf Weiße berichtet, meine Freunde und Bekannten können dies aber nicht aus eigener Erfahrung bestätigen.

Und im Tourismus?

We have run out of money. We have put all staff on reduced pay for April and May thereafter there is no money.

Wortwörtlich, so stand es in einem Email, das ich gestern erhalten hatte.

Bei den touristischen Leistungsträgern macht sich Grabesstimmung breit. Die meisten Unternehmen haben ihre Mitarbeiter gekündigt und ihren Betrieb bis auf eine Minimalbesetzung runtergefahren. Obwohl April/Mai ruhigere Monate wegen der Regenzeit sind, fehlen den Unternehmen die Anzahlungen und Buchungen für die zweite Jahreshälfte, um den Betrieb im Juni wieder hochzufahren. Viele werden vermutlich die Krise nicht überstehen.

Meine Freundin in Arusha hat mir berichtet, dass viele Leute die Stadt verlassen und in ihr Heimatdorf zurückkehren, um die Lebenshaltungskosten zu senken. Viele Familien haben im Dorf ihrer Eltern ein oder mehrere Felder, d.h. sie leben von ihren eigenen Feldfrüchten und widmen sich dem Ackerbau.

Im Gegensatz zu europäischen Ländern hat die Regierung kein Einsehen bezüglich der Abgaben, ganz im Gegenteil, man ortet noch härtere Willkür und unerbittliche Regierungsbeamte, die auf die Zahlungen an den Staat bestehen. Sollten die Steuern nicht fristgerecht bezahlt werden, setzt es saftige Strafen, das haben die Behörden bereits angekündigt. Bitten um Ratenzahlungen oder Zahlungsaufschub werden abgeschmettert.

Rücklagen zu bilden ist für die meisten kleinen und mittleren Tourismusbetriebe unmöglich. Um zu demonstrieren, warum, habe ich zwei Beispiele angeführt.

2016 wurde eine 18-%-ige Mehrwertsteuer für touristische Leistungen eingeführt. So weit so gut. Sie bringt aber die Betriebe in die Bredouille.  Theoretisch kann sie mit der Mehrwertsteuer von anderen Betrieben, z. B. Lieferanten, gegengerechnet werden, was aber praktisch nicht möglich ist. Der Großteil der Leistungsträger, wo Hotels üblicherweise einkaufen oder Leistungen beziehen (beispielsweise Lebensmittel, Alkohol, Bauernmarkt, Handwerker, etc.), zahlt keine Mehrwertsteuer und stellt nicht mal ordnungsgemäße Rechnungen aus. Dies bedeutet, die Hotels zahlen eigentlich doppelt: die eigene Mehrwertsteuer, die sie selbst abführen müssen, und jene von den Lieferanten, die sie nicht gegenrechnen können.

Wenn die Behörden ebenso kreativ und umtriebig ihren eigentlichen Aufgaben nachgehen würden anstatt beliebig neue Genehmigungen und Gebühren (ohne Gegenleistung) für exponierte  Tourismustreibende zu erfinden, könnten sich Betriebe vermutlich mehr ersparen.

Ein weiteres Beispiel ist die Ortstaxe von 1 USD pro Tourist pro Tag auf Sansibar, was zwar nicht viel klingt, aber bei genauer Betrachtung folgendermaßen tönt: Nehmen wir an, ein Hotel hat 10 Zimmern (insgesamt 20 Gäste) und eine 80 %ige Belegung, dann beträgt die abzuführende Gebührenlast 5760 USD. Theoretisch müsste die Inselregierung im Gegenzug dafür für Strom und Wasser sorgen. Tut sie aber nicht. Das Stromnetz ist permanent überlastet und fällt häufig aus, die meisten Hotels müssen teuer für dieses Versäumnis mit Generatoren bezahlen. Viele Gäste haben in den heißen Monaten kein Verständnis dafür, wenn die Klimaanlage nicht angemacht werden kann. Für Wasser müssen die Hoteliers ohnehin selbst sorgen. Die Zeche zahlt das Hotel, denn neben den Kosten müssen sie möglicherweise sogar mit negativen Reviews im Internet kalkulieren.

Tansanische Tourismusbetriebe bezahlen doppelt: einerseits für stattliche staatliche Gebühren und dann noch für die Leistung, die der Staat eigentlich hätte bereitstellen müssen.

Nur zum Verständnis: Dies soll keineswegs als Jammerei missverstanden werden, sondern soll lediglich aufzeigen, welchen Herausforderungen Hoteliers in Tansania ausgesetzt sind. Diese Praktiken sind zum großen Teil daran Schuld, dass das Preisniveau speziell in Tansania sehr hoch ist.

Welche Auswirkungen hat der Ausfall des Tourismus?

In erster Linie Arbeitslosigkeit, Armut und Stadtflucht. Am Land, wo in der Regel die Familie lebt, gibt es Felder und das Leben ist insgesamt billiger.

Und weiter? Die Nationalparks sind geschlossen, die Ranger wurden nach Hause geschickt. Armut und Arbeitslosigkeit werden die Wilderei befeuern. Laut Angaben eines Bekannten hat dies bereits eingesetzt. In der letzten Woche wurden in einigen Gebieten vermehrt Fallen für bush meat verzeichnet. Es wird entweder in den Familien verzehrt oder am Markt verkauft.

Die große Sorge aber gilt der Nashorn- und Elefanten-Wilderei. Ohne Patrouillen und mit vielen Menschen entlang des Verkaufsprozesses, die ihre Hand aufhalten (müssen, mangels anderer Alternativen), wird es vermutlich nicht lange dauern, bis die Wilderei wieder an Fahrt aufnimmt.

Ranger fehlen in den Nationalparks. Arbeit sowie Einkommen sind Mangelware im Moment. Eine fatale Kombination im ländlichen Afrika…

Für den Fall, dass Sie der Meinung sind, dass Afrika trotz geringer Durchseuchung härter vom Virus getroffen ist, kann ich Ihnen gerne Adressen und Organisationen im Naturschutz nennen, die speziell jetzt auf die Solidarität der Menschen in westlichen Ländern angewiesen sind – gerade weil der Tourismus am Boden liegt.  Schreiben Sie mir bitte ein Email an karibu@safari-insider.com