In diesen Wochen habe ich ja als Spezialreiseveranstalter für Ostafrika ein wenig mehr Zeit, um mich um Futter für Hirn und Herz zu kümmern. Und so habe ich meine fünf, eigentlich sechs liebsten Bücher, wieder zur Hand genommen und durchgeblättert. Vielleicht ist ja Lektüre für Sie dabei!

In Ostafrika (fast) Business As Usual, nur ohne Touristen

Während sich die EU und die einzelnen Ländern in Negativszenarios für die Reisebranche übertrumpfen, wird dem Virus in Tansania, Uganda und Sambia verhältnismäßig wenig Platz in den Zeitungen eingeräumt.

Zwei Musiksuperstars berichten in Tansania publikumswirksam, dass sie an Covid-19 genesen sind. Lobenswerterweise übernahm Diamond Platinumz (auf meiner Afrika-Playlist mit einem seiner größten Erfolge vertreten) die Miete für 3 Monate von 500 Familien in Dar es Salaam.

In Uganda hat man tansanische Fernfahrer als jene ruchlose Übeltäter ausgeforscht, die den Virus von Tansania nach Uganda importieren. Nun will man keine Fernfahrer mehr einreisen lassen, was die Kenianer zu empörten Reaktionen zwingt.

Aus Sambia dringt wenig nach außen, außer, dass Corona ein Nebenschauplatz zu sein scheint. Viel breitenwirksamer wird darüber berichtet, dass der Kariba Dam endlich wieder einmal ausreichend Wasser führt.

In vielen Zeitungen wird berichtet, dass die internationale Gemeinschaft Unmengen nach Afrika pumpt, das vermutlich die Ärmsten ohnehin nicht erreichen wird.

Mehr Zeit zum Lesen

Also, welche Bücher habe ich in den letzten Wochen entstaubt und erneut zu Gemüte geführt?

So viele wunderbare Bücher über Afrika!

1. Nigel Barley: Traumatische Tropen. Notizen aus meiner Lehmhütte.

Dies war mein erster Erzählband über Afrika, den ich 2004 las, als wir begannen, unsere große Afrika-Reise zu planen.  Jetzt, wo ich viele Länder in Afrika sehr gut kenne und mit den Eigenheiten der Menschen vertraut bin, verblüffen mich Barley’s Beschreibungen umso mehr: Es hat sich nicht viel verändert, seitdem der Ethnologe 1997 seine Beobachtungen zu Papier gebracht hat.

Seine Beobachtungen haben nichts an Realitätsbezug eingebüßt, viele Passagen im Buch könnten gestern erst passiert sein. Ein bornierter Beamter macht einem Weißen einfach das Leben zur Hölle, egal ob ohne oder mit Handy.

Für mich ist „Traumatische Tropen“ noch immer eine der klügsten Erörterungen eines Europäers über Afrika, mit viel Witz und Esprit, sodass ich am liebsten sofort – nach dem gefühlten 50. Mal, wo ich einzelne Kapitel durchblättere – in den Flieger steigen möchte.

2. Alexander McCall Smith lässt Mma Ramotswe ermitteln

Wer sich nicht Hals über Kopf in Mma Ramotswe verliebt, ist selbst schuld.

In ihrer ersten und einzigen Frauendetektei Botswanas löst die pfiffige Detektivin mit „traditionellem Umfang“ kniffelige Fälle. Dabei geht es primär nicht um Mord oder Totschlag, sondern um Alltägliches, wie dunklen Zauber, Gaunereien, vermisste Kinder und Ehemänner, Untreue oder sabotierte Fußballspiele.

Freilich, es handelt sich um leichte Kost, aber der Autor manövriert die Leser mit viel Herz durch die Untiefen des Alltags in Botswana. Mein persönliches Fazit: Oft zum Schmunzeln, einfach, fast schon in naiver Sprache geschrieben, aber herrlich zum Durchlüften des Oberstübchens – seichte Kost mit afrikanischem Augenzwinkern.

3. Ngugi wa Thiong’o: Herr der Krähen

Zeit sollte man haben, für diesen satirischen Schmöker. 944 Seiten, die sich mancherorts stauen und dann wieder mit hoher Flussgeschwindigkeit flutschen.

Möglicherweise finden den Roman nicht alle so amüsant wie ich. Eine gewisse Liebe zu Afrika und ein Verständnis dafür, wie Dinge in Afrika angepackt werden, sind wahrscheinlich Voraussetzung, um sich mit dem Erzählstil des Kenianers Ngugi wa Thiong’o anzufreunden.

Die Geschichte hat alle Zutaten, für die Afrika hinlänglich bekannt ist: ein korrupter, skuriler Despot, der ein Mega-Projekt zu seinen Ehren aus dem Boden stampfen will; speichelleckende Beamte; Vodoo-Zauber vom Feinsten; Kämpfer aus dem Untergrund, die sich dem Irrsinn widersetzen; und mächtige ausländische Geldgeber, die Unsummen von Geld nach Afrika schaufeln, ohne dass es die Not auch nur eines einzigen Menschen lindern würde.

Ja, ich gebe zu, die komödiantische Lektüre erfordert Vorkenntnisse, aber was viel eher verwundern sollte: Die Realität liegt erschreckend nahe an der Fiktion.

4. Mord und Totschlag mitten in der Apartheid in Südafrika

Ich konnte mich nicht zwischen Malla Nunn und James McClure entscheiden – und nehme sie beide in meine „Afrika in Zeiten von Corona“-Liste auf.

Beide Autoren schreiben über Südafrika während der Apartheid. Während Malla Nunns Helden, Captain Pretorius, Emmanuel Cooper und dem Zulu-Detective Shabalala, Anfang der 1950er-Jahre ermitteln, verortet James McClure seine Ermittler, Kramer und Zondi, ganz allgemein in die Zeit der Apartheid. Kein Wunder, die Originalausgabe erschien 1971, als dieser Status für Südafrika noch ganz normal war.

Beide Krimis malen ein starkes, dunkelgraues Sittenbild der Gesellschaft, von Moral und Ordnung, von Menschen mit unterschiedlichem Wert für die Gesellschaft, von Vertuschung, Falschaussagen und korrupten Beamten, von Misstrauen und Hass, von Inkompetenz und Borniertheit.

Während der Lektüre bin ich an vielen Stellen froh, dass die Apartheid abmontiert wurde, aber an anderen Stellen muss ich eingestehen, dass das System erschreckend modern ist, egal ob in Südafrika, Tansania oder Österreich.

5. Ryszard Kapuscinski: Afrikanisches Fieber

Ein Klassiker und mit Sicherheit eine der besten, ehrlichsten und realistischsten Reisereportagen über Afrika! Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.

Der Pole Kapuschinski erreichte 1957 zum ersten Mal Afrika, in seinem Fall Ghana, und protokollierte in seiner Eigenschaft als Journalist 40 Jahre die Entwicklungen in diversen afrikanischen Staaten. Gleichzeitig der Realität Genüge zu tun und dennoch ohne Vorwurf oder moralischen Zeigefinger zu schreiben, gelingt nicht vielen Journalisten.

Kein Pathos, keine falsche Romantik, keine Beschönigungen, keine Schönmalereien, einfach echtes, pures Afrika, das nur zwei Reaktionen kennt: Leave it – or love it.